2. Februar 2026
Bei seinem Jahreskonzert am 24. Januar gelingt es dem Musikverein Schöllbronn einmal mehr, musikalische Höhen zu erreichen. Balkon und Ränge der Ettlinger Stadthalle sind von gespannten Zuhörern bis zum letzten Platz besetzt, auch im Parkett sind nur wenige Plätze freigeblieben, als das große Blasorchester unter der souveränen Leitung seines Dirigenten Kajo Lejeune neue Töne anschlägt. Eine dramaturgisch sensibel aufgebaute kammermusikalische Struktur versetzt die Zuhörer in neue Erlebniswelten. Geheimnisvoll wachsen in der Komposition "Imagasy" aus solistischen Gesten allmählich Klangfülle, Bewegung und Virtuosität an, um Imagination und Fantasie entstehen zu lassen. Thiemo Kraas, ein ausgezeichneter deutscher Komponist aus der jüngsten Generation, erreicht es, neue und innovative Kompositionstechniken - wie spontan improvisierte Klangflächenbänder einer Instrumentengruppe neben allerlei ungewöhnlichen Spieltechniken - in sein Werk einfließen zu lassen, ohne dabei die Sinnlichkeit der Melodik aufs Spiel zu setzen. Zunächst treten kleine Impulse verschiedener Schlagwerkinstrumente auf. Eine einzelne Flöte (Susanne Karl), eine Tuba (Kai Bayrhof), ein Alt-Saxophon (Stefanie Nußbaumer) zusammen mit einer Bassklarinette (Kerstin Roth) umgarnen sich, bis allmählich das ganze Orchester farbenreich zu glitzern beginnt. Sodann erhebt sich in dunkler Farbe eine hinreißende Melodie in den Klarinetten, die einfühlsam von Hörnern und Tenorhörnern weitergeführt und von den Posaunen ergänzt wird. Die Ereignisse verdichten sich. Plötzlich einsetzende schwungvolle Abschnitte gelingen virtuos, werden nochmals im Tempo verdoppelt, lyrische Momente schieben sich ein, auch eine kleine Solo-Kadenz wird im Tenorsaxophon dargeboten (Vanessa Schmidt). Die Klarinetten mit Englischhorn (Izumi Gehrecke) leiten über zu einer langen Kantilene des Tenorhorns (Marc Liebrecht) und der Trompete (Volker Ochs). Ein äußerst abwechslungsreiches Spiel voller Überraschungen steht als eindrucksvolles Portal am Beginn des Konzertes. Danach präsentiert Henry Kunz, der Stellvertreter des Dirigenten, die exotisch orientalische Geschichte "In the Mystic Land of Egypt" von Albert Ketèlbey, in der das Kolorit Ägyptens plastisch zum Ausdruck gebracht wird. Hier erscheint die elegische Weise (Lied vom Boot auf dem Nil) ausdrucksvoll in der Solo-Oboe (Anna Bechert). Auch das Jugendbläserensemble zeigt sich von seiner besten Seite. Die Musical- bzw. Filmtitel "Ich warte hier auf dich" (Die Schöne und das Biest), "Das, was ihr vermisst" (Marry Poppins) und "Ballad of the lonesome Cowboy" (Toy Story) überzeugen das Publikum davon, dass hier engagiert gearbeitet wird. Eine geforderte Zugabe wird mit "Y.M.C.A." auch gerne gewährt. Das kleine Ensemble gestaltet rücksichtsvoll und ausgewogen unter der Anleitung der neuen sympathischen Dirigentin Jessica Ohrem. Frischer Wind kommt erneut auf mit der "Atlantic Overture" von Thierry Deleruyelle zum Beginn der zweiten Konzerthälfte. Die Pauke (Steffen Neumeister) gibt den Ton (bzw. den Rhythmus) an für ein von Fanfaren der Trompeten und Hörnern geprägtes Klangbild, das nur gelegentlich lyrische Ansätze der Klarinetten durchlässt. Auch hier bleibt das Musizieren beweglich und gut aufeinander abgestimmt. Wirklich dramatisch wird es beim Querschnitt durch Leonard Bernsteins "West Side Story", die wegen ihrer harmonischen Orientierung am Jazz, der rhythmischen Grundfärbung und auch dem Sujet der Jugendbanden zwar der Gattung Musical zuzurechnen ist, dennoch mit dem Bezug auf die literarische Vorlage (Shakespeares "Romeo und Julia") opernhafte Tiefe erreicht. So fühlt sich der Dirigent Kajo Lejeune offenbar dieser Qualität in der Komposition besonders verpflichtet und führt mit großer Leidenschaft, dynamischer Breite und rhythmischer Akkuratesse durch das musikalische Drama. Der Schuss aus einem Revolver, vom Dirigentenpult auf den fiktiven Tony abgefeuert, unterstreicht die Authentizität der Aufführung. Es gelingt den Schöllbronnern an diesem Abend, die durchgängig beseelte Musik direkt ans Herz der Zuhörer zu bringen, die dies in ihrem Applaus widerspiegeln. Auch die Aufnahme eines Tango Nuevo von Astor Piazzolla mit dem Titel "Libertango" in das Blasorchester-Repertoire wird belohnt. Das Orchester lässt es trotz chromatischer Linien, rhythmischer Finessen und langer Bögen in den kontrapunktischen Gegenbewegungen (Hörner!) nicht am musikalischen Eros fehlen. Die innere Beziehung der auf den ersten Blick so unterschiedlichen Darbietungen weiß Susanne Karl geschickt in ihrer charmanten Moderation zu verbinden. Mit einem Arrangement von Stefan Schwalgin, das vier unvergessene Titel von Frank Sinatra aufgreift, wird es nochmals unterhaltsamer. Dabei spielt das große Blasorchester die vertrackt notierten Rhythmen stilsicher und verinnerlicht im Swing, als sei hier nur eine kleine agile Combo am Werk und als müsse man den großen Entertainer in seinem Smoking förmlich vor dem inneren Auge (und Ohr) erscheinen lassen. Das finale Werk schlägt als reines Originalwerk für Blasorchester den Bogen zum Anfang sowohl des ersten wie des zweiten Teils eines "Streifzugs durch die Welt der symphonischen Blasmusik". Mit "Eiger – eine Reise zum Gipfel" (Komponist James Swearingen) ist im Titel angezeigt, dass es um ein atemberaubendes Panorama geht, um Erhabenes, aber auch um überschwängliche innere Freude. Mit dem Anspruch, dies zu vermitteln, sind die Musiker auf die Bühne getreten, beeindrucken und beglücken ihr Publikum mit einem kurzweiligen Abend. Zwei Zugaben werden gegeben: "Fly Me to the Moon" und "Appalachian Morning" von Robert Sheldon. Bei seiner Verabschiedung rückt der Vereinsvorsitzende Steffen Neumeister vor dem letzten Titel diesen in einen Kontext von Hoffnung auf friedvolle Neuanfänge im noch jungen Kalenderjahr. Geschmackvoll und in großer Ruhe klingen die letzten Töne eines Konzertabends aus, der viele emotionale Facetten erlebbar macht, dabei innovative neue Musik und konventionelle verbindet. Man sollte sich jetzt schon den Termin des nächsten Jahreskonzertes zu Beginn des neuen Jahres vormerken. Im Rahmen der Veranstaltung zeichnet Markus Speck, als Vertreter des Blasmusikverbands Karlsruhe einige Orchestermitglieder aus: Niklas und Elias Kiefer für 20-jährige Mitwirkung mit der silbernen Ehrennadel, Yvonne Hänle mit der Ehrennadel in Gold für 30-jährige Mitwirkung sowie Gabriele Kull für 40 Jahre aktives Mitwirken im Verein mit der goldenen Ehrennadel des Bundesverbands. Herzlichen Glückwunsch.